Im posttraumatischen Wartezimmer [Glosse]
Sonntag Morgen. Meine fünfjährigen Zwillinge spielen seit 05:45. Manchmal wird es laut im Kinderzimmer. Ich döse wieder ein. Rumms! Geschrei! 100 Liter Adrenalin rasen durch meinen Körper. Spurte ins Kinderzimmer. Frida blutet am Kopf. Lousie schreit wie am Spieß? Ich packe Frida, drücke ihr ein Tuch auf die klaffende Platzwunde am Kopf, meine Frau holt das Auto aus der Garage, wir rasen in die Notaufnahme.
Dort leere Flure. Eine übernächtige Krankenschwester nimmt die Formalitäten auf, ein übernächtigter PJler guckt sich Fridas Kopf an, fragt nach Umständen des Unfalls und nuschelt etwas von Nähen, nicht so schlimm, kleines Trauma, warten Sie im Wartebereich.
Trauma? Ich hatte davon gehört, in meiner Krankenpflegehelferausbildung bei der Bundeswehr. Vor 20 Jahren. Irgendwas mit heftiger Kopfbewegung. Schleuder-Trauma oder so.
Ich sitze im Wartebereich. Es wird langweilig. Zahlreiche Zeitschriften rundum verteilt. Auch etliche Bücher in einem kleinen Regal. Ich greife ein beliebiges raus. Blättere irgendwo auf. Nur um mich abzulenken, die Zeit totzuschlagen. Lese ohne Verstand einfach mitten in einer Seite los:
„Jeder von uns hat eine Lebensgeschichte, eine Art innerer Erzählung, deren Gehalt und Kontinuität unser Leben ist. Man könnte sagen, daß jeder von uns eine ‚Geschichte’ konstruiert und lebt. Diese Geschichte sind wir selbst, sie ist unsere Identität.“
Ah, denke ich, ein Buch über Authentizität und womöglich über biografisches Theater. Ich lese weiter:
„Wenn wir etwas über jemanden erfahren wollen, fragen wir: «Wie lautet seine Geschichte, seine wirkliche, innerste Geschichte?« Denn jeder von uns ist eine Biografie, eine Geschichte. Jeder Mensch ist eine einzigartige Erzählung, die fortwährend und unbewusst durch ihn und in ihm entsteht – durch seine Wahrnehmungen, seine Gefühle, seine Gedanken, seine Handlungen und nicht zuletzt durch das, was er sagt, durch seine in Worte gefaßte Geschichte. Biologisch und physiologisch unterscheiden wir uns nicht sehr voneinander – historisch jedoch, als gelebte Erzählung, ist jeder von uns einzigartig.“
Oder eher was Kulturanthropologisches?
„Wir müssen uns er-innern – an unsere innere Geschichte, an uns selbst. Der Mensch braucht eine solche fortlaufende innere Geschichte, um sich seine Identität, sein Selbst zu bewahren.
Dieses Bedürfnis scheint der Schlüssel zu Mr. Thompsons Geschichten und seiner verzweifelten Beredsamkeit zu sein. Da er seine Kontinuität, seiner ruhig und unablässig hahinfließenden inneren Geschichte beraubt ist, bleibt ihm nichts anderes übrig, als wie verrückt Geschichten zu erzählen – daher also seine ständigen Konfabulationen, seine Mythomanie.“
Die Geschichte scheint noch spannend zu werden, ich denke an Antonin Artauds „Grausames Theater“. Vergesse langsam, warum ich hier warte.
Er – also die Figur des Mr. Thompsons im Buch, der gerade aus dem Krankenhaus entlassen wurde … wo bleibt eigentlich meine Tochter? – ist nicht in der Lage, eine echte Geschichte oder Kontinuität, eine authentische innere Welt aufrechtzuerhalten, und so ist er gezwungen, sich mittels erfundender Geschichten eine scheinbare Kontinutiät zu schaffen, eine unwirkliche Welt, die von Pseudo-Menschen und Phantomen bevölkert ist.
Aha, es geht scheinbar um post-dramatisches Theater. Dekonstruktion und so … Ich verlängere mir meine selbstgestellte Rätselaufgabe und schaue mir noch nicht das Cover des Buches an … und lese einfach weiter:
… Seine – also die von Mr. Thomposons – Welt löst sich unablässig in ihre Bestandteile auf, verliert ihren Sinn und verschwindet und er muß verzweifelt versuchen, ihr einen Sinn zu geben, indem er immerfort einen erfindet, indem er Brücken des Sinns über die Abgründe der Sinnlosigkeit schlägt, über das Chaos, das sich ständig unter ihm auftut.
Zwei übernächtigte Gespenster in weißen Kitteln und schwarzen Rändern unter den Augen huschen über den Flur. Bevor ich fragen kann, was mit meiner Tochter ist, verschwinden sie in einem Raum mit Milchglastür, aus dem heraus mich kurze Zeit später eine Kaffeeduftwolke umhüllt …
Ich lese ein wenig unkonzentrierter weiter. Merke etwas später, dass ich Zeilen nur noch überfliege, anfange, diagonal zu lesen … Ich fühle mich ein bisschen neben mir, ein bisschen unwirklich. Ein Kaffee wäre jetzt gut! Ich erfahre, dass bei Mr. Thompsons eine Art Realitätsverlust geschieht,
ohne das Gefühl, daß er sein Gefühl verloren hat, ohne das Gefühl, daß er die Tiefe verloren hat, jene unergründliche, geheimnisvolle und in unzähligen Ebenen unterteilte Tiefe, durch die Wirklichkeit und Identität irgendwie definiert sind. Jedem, der eine Zeitlang mit ihm zu tun gehabt hat, fällt auf, daß sich hinter seiner hektischen Beredsamkeit ein seltsamer Verlust von Gefühl verbirgt …
In mir keimt ein Gedanke auf, dass dieser Mr. Thompson nur eine Allegorie für etwas ist, dass mir irgendwie sehr bekannt vorkommt.
… jenem Gefühl oder Urteilsvermögen, das zwischen «wirklich» und «unwirklich», «wahr» und «unwahr» (man kann in diesem Fall nicht von «Lügen», sondern nur von «Un-wahrheiten» sprechen), wichtig und unwichtig, relevant und irrelevant unterscheidet. Seine unablässigen Konfabulationen, die wie ein Sturzbach aus ihm herausbrechen, haben letztlich etwas sonderbar Indifferentes … als sei es im Grunde unwichtig, was er sagt oder was irgend jemand sonst sagt oder tut, Als sei irgendwie alles unwichtig geworden.
Langsam dämmerts mir, und ich wähne mich kurz vor der Auflösung meines Rätsels, um was für eine Art von Buch es sich hierbei wohl handelt. Warum mir gerade dieses Buch jetzt in die Hand gefallen ist. Eigentlich möchte ich jetzt an irgendeine Tür klopfen und fragen, was mit meiner Tochter ist. Aber ich vertraue darauf, dass sie ordentlich medizinisch versorgt wird und man mir anschließend Bescheid gibt. Ich will schnell noch mein Rätsel lösen, ohne auf das Cover des Buches zu schauen. Die letzten Zeilen klangen mir verdächtig nach einem Dogma von Enthierarchisierung. Und prompt hüpft mir einige Zeilen weiter ein Verweis auf Sasetzkijs „The Man with a Shattered World“ in die Augen, mit einem weiteren Verweis auf Lurijas Stirnlappen-Syndrom. Ich stutze. Gerät meine Theater-Buch-These ins Wanken? Ich lese nun noch diagonaler, um in einem leichten Anflug von Hektik – dort hinten geht eine Tür auf – im Text endgültige Hinweise zu finden, ob es nun ein Theaterbuch ist und lese nur noch Ausrisse: … Mr. Thompson (die Allegorie für modernes Theater???) sei
… scharfsinnig und intelligent, In gewisser Weise «ent-seelt» und als Person nicht anwesend. Dies sind die Auswirkungen der von Lurija beschriebenen Nivellierungen. …
… Die bei diesem Theater erkennbare amüsierte Gleichgültigkeit und Nivellierung ist nicht ungewöhnlich. Deutsche Neurologen nennen diese Erscheinung «Witzelsucht». …
… Bisweilen bin ich zunächst nicht sicher, ob der Patient lediglich witzig ist und herumalbert oder ob er schizophren ist …
Hallo Herr List, ihrer Tochter geht es gut! höre ich wie durch einen Nebel und freu mich über diese Botschaft. Über den anderen Patienten müssen wir später nochmal reden.
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