Im Januar 2024 lud ich Interessierte zu meinem Workshop „Mein Leben aufschreiben“ ( https://huetteinander.de/?course=49) ein. Den hatte ich unter großen Bedenken im Rahmen unseres Kulturprojektes Atelierkirche Volpertshausen ausgeschrieben. Meine Befürchtung: Dafür interessiert sich in meiner Gemeinde sowieso niemand. Da ich aber meist nach der Device handele „Probier´s aus! Dann weißt du´s!“, habe ich es versucht.
Ich komme abends zum ersten Termin in die Schul- und Gemeindebücherei mediothek – zwei Menschen hatte ich überredet zu kommen und hoffte – und erschrecke. Vor der verschlossenen Tür im Halbdunkel eine Gruppe Menschen.
„Mist!“, denke ich. Ich habe mich im Datum geirrt! Oder schlimmer. Es ist eine andere Veranstaltung in der mediothek, und ich hatte das nicht mitbekommen.“
Ich steige aus dem Auto und grüße freundlich mit der Frage: „Geht es hier zum Workshop „Autobiografie“? Die Antwort mehrerer: „Nein. `Mein Leben aufschreiben´!“
Ich: „Ach so! Ja klar! Dann bin ich hier richtig.“
Neben wenigen Zu- und Abgängen sind wir mittlerweile eine feste Gruppe von 6 Frauen und 4 Männern, die alle regelmäßig schreiben.
Bis auf einen emeritierten Physik-Professor hatten alle anderen keine Schreiberfahrung und waren auch felsenfest davon überzeugt, nicht schreiben zu können.
Inzwischen konnte ich alle vom Gegenteil überzeugen, und dass man schreiben lernen kann. Alle sind gute Schüler und nehmen bereitwillig meine Angebote zur Verbesserung ihrer Schreibkompetenz an. Ich bestehe darauf, dass ihr Feedback immer konstruktiv in zwei Stufen formuliert wird, und zwar nach dem Muster:
- Mir hat an dem vorgelesenen Text gut gefallen: …
- Ich wünsche mir, dass du probierst, an deinem Text noch folgendes zu verändern, zu ergänzen, wegzulassen …
Die Schreibqualität der Teilnehmerinnen und Teilnehmer hat sich nach eineinhalb Jahren (wir treffen uns nur alle zwei Wochen für ca. 90 Minuten) soweit entwickelt, dass wir beschlossen, eine erste öffentliche Lesung im Rahmen unseres Sommerfestes im denkmalgeschützten „Gottfrieds Haus“ in Hüttenberg im Ortsteil Rechtenbach zu machen. Alle Teilnehmer des Workshops trugen ihre eigenen Texte vor, die von einem interessierten Publikum aufmerksam aufgenommen wurden. Bei einem anschließenden Büfett kamen die Autorinnen und Autoren mit dem Publikum ins Gespräch (siehe Foto und Bericht der Lokalpresse).

WNZ, 15.Juli2025
Autoren machen in Rechtenbach das eigene Leben zu Literatur
Sommerfest-Lesung im Gottfrieds Haus: Auf Einladung der Atelierkirche Volpertshausen ging es um bewegende Texte.
Hüttenberg-Rechtenbach. Ein frischer Sommerabend, gespannte Gesichter, Manuskripte auf dem Schoß – das historische Gottfrieds Haus in Rechtenbach war jetzt Schauplatz einer besonderen Lesung: Im Rahmen des Kulturprojekts Atelierkirche Volpertshausen lasen die Teilnehmerinnen des offenen Schreibworkshops „Mein Leben aufschreiben“ erstmals öffentlich aus ihren autobiografischen Texten.
Laienautorinnen müssen ihre Arbeit vor professionellen Veröffentlichungen nicht verstecken
Geleitet wird der Workshop von Volker List, einem erfahrenen Autor und Theatermacher. Sein Ziel: Menschen dazu zu ermutigen, das eigene gelebte Leben in Sprache zu fassen – persönlich, authentisch, literarisch. „Ich war ehrlich gesagt überrascht, wie intensiv die Teilnehmerinnen an ihren Texten gearbeitet haben“, sagte List. „Meine Anregungen wurden nicht nur angenommen, sondern oft in einer Qualität umgesetzt, die sich vor professionellen Veröffentlichungen keineswegs verstecken muss.“
Vor vollbesetzten Bänken trugen die Autorinnen Auszüge aus ihren selbst verfassten Lebensgeschichten vor – mal nachdenklich, mal humorvoll, mal leise und zart, dann wieder kraftvoll und direkt. Die Themen reichten von Kindheitserinnerungen über familiäre Brüche bis hin zu Momenten der Selbstermächtigung. Die Zuhörer zeigten sich bewegt, lachten, schwiegen andächtig – und kamen anschließend bei einem liebevoll bereiteten Buffet mit den Künstlerinnen ins Gespräch.
Quelle: https://www.mittelhessen.de/lokales/lahn-dill-kreis/huettenberg/autoren-machen-in-rechtenbach-das-eigene-leben-zu-litaratur-4797995
Die Autoren und Autorinnen wollen ihre Arbeit unbedingt fortsetzen. Inzwischen entstand die Idee, einen autofiktionalen Gruppenroman zu schreiben. Oha! Was für eine Vision. Ein Entwurf für die erstens 20 Seiten steht bereits.
Nicht unerwähnt möchte lassen, dass das Sinnliche in der Gruppe nicht zu kurz kommt. Immer wieder werden selbst zubereitete regionale Spezialitäten mitgebracht und verkostet. Letztens inspirierte ein Teilnehmer alle Anwesenden mit Pfirsich-Bowle – mit Pfirsichen aus dem eigenen Garten – zu einer Schreibsession, inspiriert durch den betörenden Duft und Geschmack frischer Pfirsiche.
Für den Sommer 2026 ist wieder eine Lesung geplant. Der Arbeitstitel: Texte riechen, schmecken, hören – eine olfaktorisch-gustorisch-musikalische Lesung.

In solch vertrauensvoller Atmosphäre entstehen neue Freundschaften.
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